Canon 7D2 und Sigma 50mm F1.4 DG HSM (ART)

SIGMA 50mm F1.4 DG HSM (ART)

Ab einem gewissen Alter bekommt man von einem auf das nächste Jahr keine Weihnachtsgeschenke mehr. Bei mir war das vor langer, langer Zeit bereits der Fall. Was macht man also? Klar, man beschenkt sich selbst.

Schon länger spielte ich mit dem Gedanken mir ein neues 50mm Objektiv zu kaufen. Mein altes 50er von Canon hat nun schon etliche Jahre auf dem Buckel und überrascht doch immer häufiger durch, sagen wir mal, unvorhersehbare Ergebnisse. Mal davon ab ist der Fokusantrieb von dem Joghurtbecher, so wird das Objektiv wegen seines Gehäusematerials oft im Netz genannt, noch ein alter, lauter, ratternder. Und zu guter letzt sieht das winzige Ding an der 7D2 sehr verloren aus – so als spanne man hinter eine 36-Tonnen Zugmaschine einen Baumarkt Leihanhänger.

von wem?

Nun war ich lange auf der Suche nach einem für mich geeigneten Glas. Sollen es wirklich 50mm sein? Reichen nicht auch 35mm? Von welchem Hersteller? Canon, Tamron oder gar Sigma? Von den 35mm habe ich mich schnell wieder gedanklich verabschiedet – die habe ich schon mit dem 16-35mm abgedeckt. Schau’n wa also mal auf die Hersteller. Tamron? Nein, da habe ich zu Analogzeiten komische Erfahrungen gehabt. Ist mir nicht geheuer. Obwohl die ja, wenn man sich mal so im Internet umher liest, deutlich an Qualität dazu gewonnen haben.

Canon? Die haben den Joghurtbecher (den ich bereits in einer älteren Version besitze) mit Blende 1,8. Dann gibt’s noch das recht betagte 1,4er. Dieses konnte ich bei einem Freund testen. Nee, hat mich nicht überzeugt. Alleine schon deswegen, weil die Frontlinse beim Fokussieren ausfährt. Und dann gibt’s da noch das 1,2er L. Ehrlich, den roten Ring finde ich gut aber 1.400,00 Euro? Nein, definitiv diesen Preis nicht wert.

SIGMA

Bleibt also noch Sigma. Sigma? Da war doch was. Auch die Firma kenne ich noch gut aus Analogzeiten. Von denen habe ich hier noch ein 70-300 APO Makro AB CD EF XYZ und was weiß ich noch. Das war damals ganz gut. Nur was man von Sigma so im Netz liest… Da werden tonnenweise Objektive bestellt und so lange wieder umgetauscht, bis mal eines dabei ist, welches vom Fokus her passt. Qualitätskontrolle mangelhaft, so sagt man.

Bei Leute bei Sigma waren sich dieser Internet-Hysterie offenbar bewusst und gingen mit der ART-Serie in die Offensive. Ein neues Qualitätslevel wurde geboren und die Marketingmaschine wurde zu Höchstleistungen getrieben. Die ART-Serie war in aller Munde und die Versprechen der Firma wurden, traut man den Bewertungen, offensichtlich eingehalten. So viele positive Bewertungen zu den ART-Objektiven können doch nicht alle von Computern geschrieben worden sein.

Am vorletzten Tag meines Kurzurlaubs auf Sardinien bestellte ich nun das 50mm F1.4 DG HSM (ART) bei Amazon und hoffte es am Tag meiner Rückkehr zu erhalten. Ebenso hoffte ich, dass es einfach passt und wir beide gut miteinander auskommen würden. Ich nehme vorweg: Beide Wünsche gingen in Erfüllung.

der Gerät

Tollerweise wurde das Paket bei meinem Nachbarn abgegeben, wo ich es direkt nach meiner Ankunft abholen konnte – noch bevor ich die Koffer ausgepackt hatte. Das Objektiv kommt in einer schlichten Verpackung daher: Schwarz auf weiß beschriftet, keine Produktabbildung auf dem Karton – so mag ich das. Hat was edles. Nach dem Öffnen des Kartons finden sich ein paar Blatt Papier mit viel Text und ein Köcher mit Reisverschluss, in dem das Objektiv steckt.

Das 50er selber macht einen sehr, sehr wertigen Eindruck. Es ist tatsächlich richtig toll verarbeitet und recht schwer. Ein knappes Kilo bringt das Teil auf die Waage, 815 g um genau zu sein. Das ist für ein 50er schon ein recht beachtliches Gewicht. Ich mag das. Auch die Länge ist für ein 50er ungewöhnlich, stattliche 99,9 mm gibt Sigma an. Zum Vergleich, die 50er L-Edellinse von Canon bringt „nur“ 580 g auf die Waage bei 65,5 mm Länge. Für die Statistik: Bei Canon kostet ein Gramm Linse 2,41€, bei Sigma 0,80€.

Eine Streulichtblende wird natürlich mitgeliefert. Sie ist innen geriffelt und nicht wie bei Canon mit einer Art Stoff bezogen. Was nun besser blöde Lichtreflexe vermeidet kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass der Stoff schlecht zu reinigen ist. Was man aber bei sorgsamen Umgang sowieso nicht machen muss.

Um nicht völlig in einen sinnlosen Vergleich der beiden Linsen abzudriften, komme ich nun zu meinem Test.

der Test

Wer mich kennt, der weiß, dass jetzt kein ausgefuchster Fokus-Schärfe-Qualitäts-Licht-Farben-Kontrast-Test kommt, sondern einfach nur ein Ich-Bin-Mal-Draussen-Knipsen-Test.

Also ging’s raus, zumal gestern das Licht echt gut war. Ein paar Aufnahmen machte ich natürlich vorab auch drinnen, wo das Licht eher gedämpfter Art war. Mein Vater musste unter anderem herhalten. Er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er als Testobjekt herhalten musste.

beim Lesen

beim Lesen

Das sieht doch schon recht gut aus. Ich knipste mit offener Blende, also F1.4 – darauf kam es mir ja in erster Linie an. Wie gut ist das Teil bei Offenblende? Schön ist hier zu sehen, dass man nicht mehr erkennen kann, welche Zeitung er da gerade liest. Dies ist eben der komplett offenen Blende zu verdanken, die den Hintergrund in eine wohlige Unschärfe taucht.

Zaun 1,4

Zaun 1,4

Wie krass die offene Blende sein kann, seht ihr auf diesem Bild. Wieder mit F1.4 den Zaun entlang fotografiert.

Zaun 8,0

Zaun 8,0

Hier die gleiche Szene mit Blende auf F8.0 – ahhhh, es ist ein Zaun. Und ja, ich sehe es selbst. Hier oben kippt der Horizont nach rechts weg. Der Ort ist eben eine geologische Sensation. Chromatische Aberrationen (CA) konnte ich keine gravierenden feststellen – trotz der Gegenlichtsituation. Sehr fein.

Pferd

Pferd

Und wo ich gerade oben bei den Weiden war, mussten auch direkt die anwesenden Pferde Model stehen. Auch hier schoss ich wieder mit komplett offener Blende. Der Fokus saß eigentlich immer. Eigentlich, weil bei ganz offener Blende der Schärfebereich oft nur wenige Millimeter tief ist. Da kann es beim Auslösen bereits reichen sich ein wenig vor oder zurück zu bewegen und der Fokus liegt nicht mehr exakt da, wo man ihn gerne hätte.

Gegenlichtpferd

Gegenlichtpferd

Das gleiche Pferd nun von der anderen Seite, voll gegen die Sonne. Hier hat der Autofokus erwartungsgemäß versagt. Hilflos pumpte er hin und her. Ich stellte den Fokus also per Hand ein. Der einzige Anhaltspunkt für mich war die Schnalle vom Halfter, alles andere konnte ich durch die Sonne nicht erkennen. Das hat einigermaßen geklappt finde ich.

nur ein Fenster

nur ein Fenster

Zum Schluss noch ein Fenster, welches sich so gar nicht dazu eignet die tollen Unschärfeeffekte einer 1.4er Blende zu demonstrieren. Mir hat hier einfach das Motiv gefallen. Das zweite Fenster, welches ich fotografieren wollte, nötigte übrigens die Besitzerin des Fensters aus dem zugehörigen Haus zu kommen und mir das Fotografieren ihrer Fenster zu verbieten. Ich kam ihrem Wunsch nach und löschte in ihrem Beisein die beiden Fotos von ihrem Fenster. Recht hat Sie! Würde mir auch komisch vorkommen, wenn jemand meine Fenster fotografieren würde. Wer weiß, was derjenige mit den Fotos bezweckt.

Fazit

Ein klares Ja für diese Linse! Die Verarbeitung ist über jeden Zweifel erhaben. Das Ding wirkt und ist sehr edel. Technisch hat alles funktioniert. Ich würde mir der Gerät glatt nochmals kaufen, wenn ich es jetzt nicht schon hätte. Gut gemacht Sigma! So ist denn jetzt, seit ich digital fotografiere, die erste Nicht-Canon-Linse in mein Objektiv-Sammelsurium eingezogen. Sigma, ihr habt da auch ein 50-100mm F1.8 im Programm. Bekomme ich das mal zum testen?

poddi