Gottesanbeterin

Sardinien 07/2015 – 08

Was? Schon der achte Bericht in nur 2 Wochen? Ich kann es selbst kaum glauben. Offensichtlich beflügeln mich die sardische Natur und der Genuss des Ruhigen. Wie Vorgestern war ich auch heute zackig früh auf den Beinen – mal wieder mit dem Makro. Gottesanbeterinnen.

Zunächst war ich auf meiner Tour ein wenig frustriert. Fliegen, Spinnen, Wanzen – das Übliche. Wobei ich diesmal eine länglichere Wanze fand, bzw. gleich zwei davon. Die eine saß auf einem Stengel vor einer Mauer. Durch den Unterschied zwischen farbiger Wanze und grauer Mauer konnte ich ein interessanten Kontrast zwischen dem Tier und dem Hintergrund erreichen. Ist mal was anderes.

Wanze vor Mauer

Wanze vor Mauer

Die zweite Wanze von der gleichen Art fand ich ein paar Schritte weiter. Bei ihr konnte ich dann das nahezu Übliche fotografieren. Insekt sitzt auf grünem Zweigchen vor nahezu grünen Hintergrund. Das hört sich nun schon fast ein wenig überheblich an und vielleicht ist es das auch, aber Fotos mit diesem Farbspiel habe ich bereits en masse auf der Festplatte. Hin und wieder darf es gerne mal was anderes sein.

Wanze gleicher Art vor üblichem Hintergrund

Wanze gleicher Art vor üblichem Hintergrund

Als ich eine Serie von Fotos der beiden Wanzen im Kasten hatte und weiter ging, fiel mir auf, dass ich von meiner Taktik des Niederlassens und Beobachtens abgewichen war. Ich fragte mich warum das wohl so sei? Anstatt mich für einen Moment hinzuhocken und genau zu schauen was um mich herum geschah, rannte ich förmlich durch die Natur. Hatte ich Sorge etwas zu verpassen? Ist es die Vielfalt an Insekten hier, die mich so treibt? Von einem zum nächsten hetzen?

Ich riss mich am Riemen. Wer etwas finden will, was klein ist und meist versteckt lebt, der muss auf Augenhöhe sein und genau gucken! Ich ging noch ein paar Schritte weiter und tat genau dass, was ich mir selber schon vor Jahren beigebracht hatte: Ich hocke mich hin und guckte.

Es dauerte vielleicht 1-2 Minuten und mein Blick war wieder fokussiert. Ich spürte wie ich ruhiger wurde und das grau-braune Gestrüpp vor mir in gedankliche Abschnitte unterteilte, die ich in unterschiedlichen Tiefen absuchte. Ist schwer zu beschrieben, funktioniert aber wie beim Objektiv – ich variiere einfach den Schärfepunkt von vorne nach hinten. Finde ich in einem Abschnitt nichts wandert mein Blick zum nächsten.

Bewegung

An einer Position sah ich plötzlich Bewegung. Irgendwas in der Tiefe des Gestrüpps bewegte sich leicht vor und zurück. Endlich! Eine Gottesanbeterin. Vielleicht nur 2cm lang und von daher eines der kleineren Exemplare saß dort tief im Gewirr aus vertrockneten Zweigen und Gräsern. Ton in Ton und ohne meine Taktik des Sehens niemals zu finden. Leider aber auch für ein Foto an einer unmöglichen Stelle.

Jetzt hatte ich endlich mal wieder ein Zielmotiv vor den Augen und konnte es nicht fotografieren. Ich dachte nicht lange nach, suchte mir ein kleines Zweigchen, hielt es vor das Tier und wich damit von einer meiner eigenen Regeln ab. Verlagere nie ein Tier, nur um es zu fotografieren… Noch bevor mir meine eigene Regel wieder in den Kopf kam, folgte das Insekt meiner Bitte und nahm auf dem Zweig platz. Vorsichtig zog ich sie aus dem Gestrüpp und suchte mir eine Stelle mit schönem Hintergrund.

Gottesanbeterin

wahrscheinlich die Kleine Fangschrecke (Ameles spallanzania)

Das Stativ mit der Kamera stand ein paar Meter weiter. Ich holte es, positionierte alles und schoss ein paar Fotos. Die Kleine war indes recht entspannt ob ihrer neuen Umgebung. Ausgiebig putzte sie sich die Fangarme und ihre Fühler. Offensichtlich machte ihr die Verlagerung nichts aus. Ich belästigte das Tier für vielleicht 15 Minuten und brachte sie dann wieder dahin zurück, wo ich sie fand. So ganz im Freien, wo ich sie fotografierte, wäre sie ansonsten leichte Beute für Eidechsen, Vögel oder Geckos gewesen.

Gottesanbeterin, andere Perspektive

Kleine Fangschrecke, andere Perspektive

Trotzdem frage ich mich, jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, ob ich mich korrekt verhalten habe. Ich habe in die Natur eingegriffen und etwas verändert. Vielleicht wäre das Tier ohne mein Zutun Opfer eines anderen Tieres geworden, vielleicht hätte die kleine gerade selber einen guten Fang gemacht, kurz bevor sie von mir entführt wurde? Wieviele Ameisen habe ich eigentlich auf dem Weg zum Foto plattgetreten?

Wie seht ihr das?

Noch eine

Ich ging dann jedenfalls mit gemischten Gefühlen weiter, war aber glücklich, dass ich meine Technik bzw. Taktik des Findens von kleinen Krabblern wiedergefunden hatte.

Links von mir befand sich eine Mauer auf der hier und da Büschel von Anis wuchsen. Eher zufällig schaute ich hoch und… Geil, noch eine – sogar eine andere Art. Und diesmal sogar frei und vor brauchbarem Hintergrund. Wenn ich schon keinen Eisvogel und keinen Bienenfresser als Zielmotiv vor die Linse bekomme, dann wenigstens Gottesanbeterinnen. Toll!

Dame Nr. 2, schau mal

Dame Nr. 2, schau mal

Ich brauchte nicht lange um das Stativ und die Kamera auszurichten, die ca. 5cm lange Dame saß schon ziemlich perfekt und völlig gelassen auf dem Zweig. Vielleicht macht Anis-Duft die Tiere breit? Egal, ich schoss nen Haufen Fotos und wechselte zwischendurch sogar die Batterie der Kamera. Selbige war schon fast leer als ich loszog. Das Tierchen, welches auf Anis war, bewegte sich während der vielleicht halben Stunde keinen Millimeter. Nur den Kopf drehte sie hin und wieder.

Bereit, wenn Sie es sind

Bereit, wenn Sie es sind

So konnte ich in Ruhe mit unterschiedlichen Blenden, Belichtungszeiten und Perspektiven experimentieren – ohne diesmal ein schlechtes Gewissen zu haben. Obwohl ja schon meine Anwesenheit den einen oder anderen Vogel daran gehindert haben könnte, sich die Gottesanbeterin zu schnappen… Jetzt reicht’s aber! Wenn sich jeder so viele Gedanken machen würde, gäb’s wahrscheinlich gar keine Naturfotos.

Genug geschrieben für heute. Ich hoffe die Fotos gefallen euch. Wir fahren uns gleich noch ne Burg angucken und heute Abend wird gegrillt. Irgendwer hat ein Schwein ermordet, welches wir heute Abend essen werden…

poddi