Kanadagans, ganz cool

der Anruf

Manchmal geschehen seltsame Dinge. Vor zwei Wochen war ich auf der HMI in Hannover als ich auf der Rückfahrt einen Anruf erhielt.

Rolf, Naturschutzberater aus Leidenschaft, war am Rohr. Chris, ein Bekannter von ihm, hätte in einem Naturschutzgebiet, ganz in der Nähe meines Wohnortes, eine Kanadagans mit seltsamem Verhalten beobachtet. Die Gans hätte mit dem Hals flach auf dem Wasser gelegen, was sicherlich ein Verhalten sei, welches auf eine Erkrankung hinweist. Rolf bat mich der Sache auf den Grund zu gehen. Ich tat worum ich gebeten wurde und suchte das Gebiet zwei Tage später auf.

Als ich eintraf war ich total überrascht. Ein so schönes Naturrefugium hatte ich hier bei uns so nicht erwartet. Das ganze Gebiet war sehr gepflegt und doch gleichzeitig naturbelassen. Schwer zu beschreiben. Ich hatte sofort den Eindruck, dass man sich hier sehr viel Mühe gab, dem Naturschutz in idealerweise gerecht zu werden und gleichzeitig versuchte mögliche Besucher zu lenken um ihnen die Schönheit und Unversehrtheit des Geländes aufzuzeigen, ohne dass es zu Störungen an Flora und Fauna kommen musste.

Innerhalb des Gebiets fand ich dann einen kleinen Teich mit einer kleinen Insel in der Mitte. Hier sollte sich also die Kanadagans mit dem seltsamem Verhalten aufhalten. Da der Teich eine sehr überschaubare Größe hatte, erkannte ich recht schnell, dass sich hier weit und breit keine Gans aufhielt. Ich beschloss das mir zugängliche Ufer abzusuchen – es könnte ja sein, dass die Gans in der Zwischenzeit verendet war. Doch ich fand nichts.

Irgendwann vernahm ich einen mir sehr bekannten Pfiff. Eisvogel. Eindeutig! Hier? Nicht zu fassen. Das musste ich beobachten. Und tatsächlich. Am gegenüberliegenden Ufer flog einer, typisch, flach über das Wasser und verschwand aus meinen Blickwinkel, als er hinter der Insel abbog. Ich beschloss meinen Standort zu wechseln, um eine bessere Sicht auf die Insel zu bekommen, als mir ein Herr mit Fahrrad entgegen kam.

Er suchte sofort das Gespräch mit mir und fragte, ob ich der Herr Puddlig oder so sei. Ja, so ähnlich, sagte ich. Wir kamen ins Gespräch. Es war Chris, der hier die Kanadagans beobachtete und sich ob des seltsamen Verhaltens der Gans an Rolf wandte. Da schloss sich der Kreis für mich. Wir tauschten uns über eine gute Stunde miteinander aus. Auch er hatte die Gans nicht mehr gesehen. Wir waren uns einig, dass sie entweder verendet sei oder diesen Ort verlassen haben musste. Chris musste dann wieder nach Hause. Ich jedoch beschloss trotzdem noch ein paar Stunden vor Ort zu bleiben, um mehr über dieses Gebiet zu erfahren.

Ich platzierte mich hinter einem Strauch, ca. 2 Meter vom Ufer entfernt. Von hier konnte ich einen größeren Teil des Teichs und ungefähr die Hälfte der Insel einsehen. Vom Eisvogel war nichts mehr zu hören und zu sehen. Als ich irgendwann meinen Blick auf die Insel fokussierte, bemerkte ich dort ein Farbmuster, welches nicht zum Bewuchs der Insel passte. Ich richtete mein Objektiv auf diesen Farbunterschied und entdeckte das Nest der Kanadagans.

Kanadagans, brütet

Kanadagans, brütet

Aha, da hielt sie sich also auf. Die Gans saß da auf ihrem Nest und tat was Vögel machen, wenn sie auf einem Nest sitzen: Brüten. Ich weiß nun nicht viel über Gänse, außer dass sie unter Umständen ihr ganzes Leben mit einem festen Partner verbringen und lange trauern, falls der Partner stirbt. Die Gans hat sich jedenfalls einen guten Platz zum Brüten ausgesucht. Hier ist sie sicher vor Füchsen und anderen vier- und zweibeinigen Eierdieben.

Seit meiner Entdeckung waren vielleicht 10 bis 15 Minuten vergangen, als ein Schatten über mein Gesicht zog, gefolgt von einem schhhhhhhhh. Eine weitere Kanadagans flog ein und landete auf dem Wasser. Ich war erleichtert. Alles in Ordnung. Das Paar ist noch zusammen, es ist keiner verendet, wenn es gut läuft gibt es bald Nachwuchs. Sehr schön.

Kanadagans, ganz cool

Kanadagans, ganz cool

Ich beobachtete die zweite Gans eine ganze Zeit lang und schoss ein paar Fotos von ihr, als ich wieder den Pfiff hörte. Sofort war meine Aufmerksamkeit wieder auf das weitere Geschehen auf dem Wasser gelenkt. Der Eisvogel landete in einem Gestrüpp am Ufer und war recht stark auf das Geschehen im Wasser konzentriert. Dreimal stürzte er sich ins Nass um beim letzten Versuch mit einem Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen, welchen er zunächst mit Schlägen auf einen Ast tötete und dann verschlang.

Eisvogel, Männchen, nach erfolgreicher Jagd

Eisvogel, Männchen, nach erfolgreicher Jagd

Die Distanz betrug ca. 40 Meter – viel zu viel für mein dürres 300mm Objektiv. Trotzdem machte ich ein paar Fotos von der Szene – nur zur Dokumentation. Wie ich zu Hause dann feststellte, lag der Fokus ein wenig hinter dem Vogel. Offensichtlich fand die Kamera den Ast hinter dem Vogel interessanter. Irgendwas ist ja immer.

Ich vermute, dass der Eisvogel hier an diesem Teich mit seinem Partner eine Höhle hat und dass derzeit gebrütet wird. Wie dem auch sei – es ist in jedem Fall ein sicheres Zeichen für eine saubere Umwelt. Sehr schön!

Auf der Insel machte ich im Übrigen noch eine weitere Entdeckung.

Rotwangenschildkröte

Rotwangenschildkröte

Es handelt sich um eine Rotwangenschildkröte von beachtlicher Größe, die hier offensichtlich ausgesetzt wurde. Ich schätze die Körperlänge auf um die 40 cm. Sie kroch die kleine Böschung der Insel hinauf um sich ein paar Minuten lang in der Sonne aufzuheizen. Nach vielleicht 20 Minuten tauchte sie wieder ab.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass es sich hier um ein absolut schützenswertes Naturgebiet handelt. Ich werde hier nun regelmäßig nach dem rechten schauen – auch um nachzuweisen, dass der Eisvogel hier erfolgreich Nachwuchs produziert.

poddi

PS: Ich habe mir übrigens in dem Naturschutzgebiet meinen ersten Zeckenstich dieses Jahr zugezogen – wieder am rechten Bein. Mistviecher!