selektiver Weichzeichner

das Licht, das miese Licht

Letzte Woche hatte ich mal wieder das Glück Kinder fotografieren zu dürfen. Es war einer dieser Tage, die mit einem gleichmäßig bedecktem Himmel daher kamen. Die Wolken waren reinweiß, nahezu ohne jegliche Struktur und Zeichnung.

Hinter den Wolken, wie das so üblich ist, schien die Sonne – und zwar kräftig. Die Wolkendecke war zwar geschlossen, aber offensichtlich reichlich dünn. Dazu später mehr.

Sechs

Sechs Kinder zwischen 5 und 14 Jahren sollten gemeinsam für Opa und Oma digitalisiert werden. Das alleine ist schon Herausforderung genug. Immer schaut mal jemand nicht oder hat gerade sowieso keine Lust. Aber egal, ich mache einfach von jeder Einstellung per Dauerfeuer 20-30 Aufnahmen, dann wird schon was brauchbares dabei sein. Dachte ich.

Wir fuhren also mit drei Autos, sechs Kindern, drei Erwachsenen und jeder Menge Fotokrempel raus in die Natur um eine geeignete Örtlichkeit zu finden. Ich hatte ein paar Ideen im Kopf, die ich unbedingt umsetzen wollte. Ein alter Lattenzaun und eine Sitzbank sollten dabei eine Rolle spielen.

Lichter zu 100% reduziert

Lichter zu 100% reduziert

Recht schnell fand ich einen geeigneten Platz. Nicht unbedingt optimal, aber geeignet. Links befand sich ein Haus an das der Zaun angrenzte, im Hintergrund, in etwas weiterer Distanz, ein paar weitere Häuser und rechts eine Baustelle. Meine Möglichkeiten waren also recht „eng“. Es war ca. 17:30 Uhr und gleichmäßig hell. Richtig hell. Weißhell. Ausgerüstet war ich mit der 7D Mk2, dem 16-35 und dem 50er.

scheiß Licht

Ich bat die Kinder sich hinter dem Zaun aufzustellen. Du nach da, guck mal bitte nach dort. Du bitte dorthin, schau mal bitte zu ihr. Kannst du dich bitte in die Mitte stellen und zu mir schauen? Kannst du dich bitte auf die Latte setzen und dein Bruder soll dich bitte von hinten stützen? Und so weiter. Es dauerte, bis alle so standen wie ich das im Kopf hatte. Ich machte ein paar erste Aufnahmen.

1/2500s bei ISO100 ergab die erste Lichtmessung bei der ich versuchte das bisschen Struktur des Himmels doch noch irgendwie zu erfassen. Mit dem Ergebnis, dass natürlich die Gesichter viel zu dunkel waren. Also musste ein mittlerer Wert her. Aha, die Gesichter wurden heller, der Himmel war jetzt aber komplett ohne Struktur – einfach eine weiße Fläche.

Farben verbogen

Farben verbogen

Ich musste noch länger belichten. Mir war klar, dass ich im Nachgang via Bildbearbeitung den Himmel nicht mehr retten konnte. Ein Kompromiss war bei den Lichtbedingungen nicht möglich. Entweder die Kinder korrekt belichten und den Himmel wegschmeissen oder andersherum. Ich verzichtete natürlich auf den Himmel und musste mit der weißen Fläche leben.

An der Stelle hätte ich eigentlich abbrechen und eine andere Örtlichkeit aufsuchen sollen. Oder ich hätte das Ganze ab 20:00 Uhr wiederholen sollen. Das passte aber alles zeitlich überhaupt nicht. Also biss ich in die saure Gurke und in den bitteren Apfel.

Party on, Wayne

Die Kinder wiederum, wie Kinder eben so sind, entwickelten in der Zwischenzeit eine Eigendynamik. Sie folgten meinen Wünschen nur noch für einen Augenblick um dann recht flott ihr eigenes Ding durchzuziehen.

alles im grünen Bereich

alles im grünen Bereich

Das ist aber eben genau das was Kinder ausmacht und ich fand es toll. Scheiss auf meine Ideen! So sind sie, so sollen sie auf den Chip. Alles andere wäre nur gestellt und würde gekünstelt wirken. Also gab ich mein Bestes um sie wenigstens in der Schärfeebene zu halten. Das gelang mir recht gut.

Nachdem ca. 300 Fotos im Kasten waren und wir den Zaun recht arg strapaziert hatten, stand ein Location-Wechsel an. Ich wollte noch ein paar Wiesenfotos haben und außerdem musste ja auch noch eine Bank mit ins Bild. Hier muss doch irgendwo etwas Schatten zu finden sein?

nix Schatten nirgendwo

Nein, auch ein Stück den Hang hinauf gab es keinen verwertbaren Schatten. Also dirigierte ich die Kinder soweit mir das noch möglich war. Die Lustkurve der kleinen zeigte schon eine starke Tendenz in Richtung  runter. Auch hier sorgte ich nur noch dafür, dass ich die Kinder in der Schärfeebene hielt – ansonsten lies ich sie gewähren.

selektiver Weichzeichner, Farben verbogen

selektiver Weichzeichner, Farben verbogen

Nach einer weiteren halben Stunde packte ich meinen Krempel wieder in den Kofferraum und wir fuhren zur dritten Örtlichkeit an diesem hellen Tag.

beim Eisvogel

Dort, wo ich an der Lenne regelmäßig Eisvögel beobachtete und fotografierte, kenne ich eine Bank. Nicht unbedingt eine alte klapprige Bank, wie ich sie für die Fotos im Kopf hatte, aber immerhin eine Bank. Die Fahrt dorthin nahm nicht viel Zeit in Anspruch, nach ein paar Minuten waren wir dort. An der Lichtsituation hatte sich in der kurzen Zeit natürlich nichts geändert. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Ich erzählte den Kindern, dass es hier Eisvögel gibt und, wenn wir uns einigermaßen ruhig verhielten, auch mal einen sehen würden. Das fanden sie recht spannend. Wir hatten Glück, denn nach kurzer Zeit kam tatsächlich einer vorbei, flog in die Bruthöhle und kam nach ein paar Sekunden wieder raus. Beste Zeit die Brut zu füttern.

uraltes Foto

uraltes Foto

Leider konzentrierten sich die Kinder von da an nur noch auf das gegenüberliegende Ufer, um ja nicht den nächsten Einflug der Eisvogeleltern in ihre Bruthöhle zu verpassen.

Trotzdem hatte ich einen Job zu erledigen und versuchte das Beste aus der Situation zu machen. Eine gute weitere Stunde verging und der Zähler der Kamera kam bei 580 Fotos an. Stellt euch das mal zu Analogfilmzeiten vor. Ein Hoch auf das nahezu kostenfreie Digitalballern.

die Auswahl, die Bearbeitung

Nach in Summe ca. drei Stunden des Fotografierens waren wir alle zusammen reichlich gar und ich beschloss nach Hause zu fahren. Immerhin standen noch 130km Strecke vor mir.

Am folgenden Tag fing ich an die Fotos zu sichten. Im ersten Durchlauf kam ich auf knapp 100, die in die engere Wahl fielen. Im zweiten Durchlauf reduzierte ich weiter auf ca. 50 Fotos. Davon wiederum „entwickelte“ ich aus den RAW-Dateien um die 40 Stück.

selektiver Weichzeichner

selektiver Weichzeichner

Einige gefielen mir von der Stimmung der Kinder her total gut, jedoch waren sie aufgrund der Lichtverhältnisse als grenzwertig zu bezeichnen. Ich beschloss diese durch den Einsatz diverser Filter zu „retten“. Dabei habe ich auf bestehende Erfahrungen zurückgegriffen, aber auch neues ausprobiert. Einige habe ich auf schwarz/weiß getrimmt, anderen habe ich einen Vintage Look beschert. Hier und da habe ich mit selektiver Unschärfe gearbeitet, viele jedoch habe ich, abgesehen von den Standards, naturbelassen.

Fazit

In Summe hat es mir mal wieder richtig Spaß gemacht und ich habe viel gelernt. Mit einem Hauch an Erfahrung in Bezug zur reinen Fotografie und mit etwas mehr Erfahrung beim Thema Bildbearbeitung kann man solche Tage doch noch retten und tolle Ergebnisse produzieren.

Jederzeit wieder.

poddi